Nach einer rund zehnmonatigen Pause meldet sich das Berner Trio «Dnachtaktion» mit einem neuen Album zurück. «Morn wird e schöne Tag» verbindet Indie Rock, berndeutsche Texte und feine Rap-Momente – zwischen Aufbruch, Reife und dem Klang des Erwachsenwerdens. Ein Werk voller Energie, Nachdenklichkeit und dem Mut, sich immer wieder neu zu erfinden.
Die erste Begegnung im Rahmen der Street Music Nights im Sommer 2023 war noch etwas verhalten, ein vorsichtiges Antasten an eine neue Umgebung. Doch das junge Trio aus Bern eroberte die Schaffhauser Herzen im Nu, ihrer Echtheit wegen. Der Sound hart, die Texte ungeschönt und treffsicher in gesellschaftlichen Themen. Dnachtaktion bewegt sich bevorzugt auf der punknahen Schiene, lässt in stilleren Passagen aber feine Nuancen zu. Dann rappt Schlagzeuger Urban Zaugg, während die Geschwister Julian und Denis Schletti auch mal zu Cello und Violine greifen.
Fan der ersten Schaffhauser Stunde war Rockröhre Gianna Chillà aus Rom. Sie spielte am selben Abend ihr Janis-Joplin-Programm und schwärmte danach: «Die drei Jungs faszinieren mich total, auch wenn ich kein Wort verstehe.» Verständlich, denn Dnachtaktion singt konsequent in Berndeutsch.
Ein eingeschworenes Trio: Urban Zaugg, Denis und Julian Schletti (v.l.) während der ersten Spaceskalaktion in Schaffhausen.
Cüplipunk» als Duftmarke
Die drei Stadtberner wuchsen in musikalischen Familien auf und fanden früh ihren Weg hinein in diese Welt. Unabhängig voneinander äusserten sie schon in der Schulzeit den Wunsch, sich kreativ zu verwirklichen. Aus dieser gemeinsamen Leidenschaft entstand schliesslich Dnachtaktion. «Mit dieser Band konnten wir unseren Traum wahrmachen lassen», erzählt Denis Schletti im Interview mit der Band-Union.
Im Frühling 2019 veröffentlichten sie den gesellschaftskritischen Song «FIFA, nei, nei, nei» und kurz darauf ihr Debütalbum «Depro Pop». Ein Jahr später folgte die EP «Gäud», mit der sich die Band deutlich vom reinen Pop entfernte und neue punkige Facetten entdeckte. Im Spätsommer 2022 markierte «Cüplipunk» den nächsten markanten Meilenstein in der Entwicklung von Dnachtaktion. Weg vom Stimmbruch hin zu mehr Reife, Eigenständigkeit und einer spürbar gewachsenen Bühnenpräsenz. Mit der wachsenden Resonanz weitete sich auch der Aktionsradius, erste Konzerte in Luzern, Schaffhausen und Hausen am Albis folgten und bestätigten den eingeschlagenen Weg. Durch das zweite Album konnte Dnachtaktion ihren Bekanntheitsgrad weiter ausbauen. Seither erreichten sie mehr Anfragen als zuvor, spielten häufiger und vermehrt auch ausserhalb von Bern. «Die Bandbreite der Eindrücke war sehr gross. Die Band spielte in WG-Kellern ebenso wie auf Festivalbühnen. Dabei war es immer sehr schön, auch andere Musikschaffende kennenzulernen», sagt Urban Zaugg.
Beim zweiten Besuch in der Munotstadt wirkte das Wiedersehen vertraut. Der Auftritt an der Spaceskalaktion zusammen mit Purple Headspace war ein explosives und eindrückliches Gedicht. Sie kündigten damals bereits an, an neuem Material zu arbeiten, während im Januar 2025 ihre «Cüplipunk»-Tour bei der zweiten Auflage der Spaceskalaktion abgeschlossen wurde. «I wott an en Ort, wo mi d’Lüt gern hei», singt Denis Schletti in «Wäg vo hie». Dort, wo sich die Band willkommen fühlt, öffnen sich auch ihre Herzen – wie beim dritten Gastspiel noch spürbarer war.
Alles in die Musik investiert
Mit der Zeit wurden Produktionen und Arbeitsweise von Dnachtaktion spürbar professioneller, die Zahl der Auftritte nahm stetig zu. Der Alltag der Band unterscheidet sich dennoch deutlich vom Klischee eines Rockstarlebens. Vieles neben der Bühne erledigen sie selbst – von Booking über Social Media bis zu Musikvideos. Auch finanziell bleibt der Fokus auf der Weiterentwicklung: Die Gagen fliessen vollständig in Aufnahmen, Produktion und Infrastruktur zurück, Auszahlungen an die Band erfolgen keine. «Uns ging es nie um das Bild vom Rockstar, sondern um die Musik», sagt Denis Schletti. «Wir investieren jede Stunde und jeden Franken in Songs, Sound und Konzerte. Das ist unser Antrieb.»
Trotz dieser Belastung überwiegt die Freude am gemeinsamen Schaffen. Weil Dnachtaktion in nahezu alle Bereiche selbst eingebunden ist, lernt die Band laufend dazu und wächst künstlerisch wie organisatorisch. «In solchen Momenten wäre es wünschenswert, sich wieder stärker auf das reine Musikmachen konzentrieren zu können», ergänzt Julian Schletti.
Viele prägende Eindrücke sammelte die Band zudem während der Produktion des neuen Albums im Studio U3 in Bern, dem Studio von Züri West. Erstmals arbeiteten sie dort mit Milan Slick und Küse Fehlmann zusammen. Diese Zusammenarbeit eröffnete musikalisch wie textlich neue Perspektiven und verfeinerte die Arbeitsweise der Band.
Dnachtaktion im neuen Genre-Kleid
Mit dem dritten Album öffnet sich das Genrespektrum von Dnachtaktion deutlich in Richtung Independent Rock. Es war keine strategische Entscheidung, sondern das Ergebnis einer natürlichen Entwicklung. «Das Genrespektrum haben wir nicht bewusst gewechselt», sagt Urban Zaugg. «Aber dadurch, dass wir uns alle verändert und weiterentwickelt haben, hat sich auch unser Musikhören und Musikmachen verändert.» Besonders Julians Studium und die Erfahrung im Produzieren brachten neue Impulse, die das Klangbild erweiterten.
Auch die Herangehensweise veränderte sich. Früher entstanden Songs oft spontan, wurden aufgenommen und veröffentlicht. Die Idee eines Konzeptalbums gab es seit etwa drei Jahren, fand aber erst jetzt ihre Form. «Bei dieser Produktion wollten wir, dass die Songs musikalisch und textlich stärker zusammenpassen», erklärt Denis Schletti. «Nach dem Release von ‹Cüplipunk› begannen wir, neue Ideen aufzunehmen. Einige drehten sich um Zukunftsperspektiven, und diese Themen gaben dem Album seine Richtung.»
Von da an gestaltete die Band das Werk als Ganzes, mit einem roten Faden, der sich thematisch durchzieht. Ideen, die nicht passten, liessen sie weg. So entstand ein Album, das inhaltlich und klanglich geschlossener wirkt als alles zuvor.
Stereotype sichtbar brechen
Dnachtaktion hält der Gegenwart einen Spiegel hin. Zwischen Wut und Zuversicht entstehen Geschichten, die klingen wollen. In älteren Songs wie «Steu dr vor» übt die Band direkte Kritik an rechter und rassistischer Asylpolitik sowie an Fremdenfeindlichkeit, dort teilt sie bewusst auch Wut. Auf «Morn wird e schöne Tag» rückt stärker die Suche nach Zuversicht ins Zentrum – in einer Zeit von Kriegen, Klimakrise und politischem Rechtsrutsch. Die Band wünscht sich, dass sich Menschen beim Hören weniger allein fühlen.
Zur Aussenwirkung gehören Bühnenoutfit und die bewusste Verwendung persönlicher Pronomen. Für Dnachtaktion ist das eine Form, Stereotype sichtbar zu brechen und den eigenen Ausdruck zu schärfen. Diese Klarheit auf der Bühne stärkt auch den Alltag, selbst wenn das Ausbrechen aus Rollen ausserhalb des Konzertkontexts anspruchsvoller sein kann. Gleichzeitig positioniert sich die Band öffentlich eindeutig: gegen Diskriminierung, gegen ausbeuterische Kapitallogiken, für Frieden und Respekt. «In unseren Songs geht es um Themen, die uns beschäftigen – Dinge, über die wir nachdenken oder die uns bewegen», sagt Julian Schletti. «Wir erzählen Geschichten und beschreiben Gefühle, die hoffentlich etwas auslösen oder berühren.»
Dnachtaktion hält den Stereotypen den Spiegel hin.
Dnachtaktion spricht offen über Zuversicht und Resignation im gesellschaftlichen Kontext. Bei der Resignation wiegt für die Band der wachsende Abstand zwischen Arm und Reich schwer, ebenso die zunehmende Macht von Superreichen und Konzernen auf politischer Ebene. «Man hat immer mehr das Gefühl, Regierungen handeln in Bereichen wie Armut, Gleichberechtigung, Rassismus oder Klimawandel nach den Bedürfnissen der Reichen und Konzerne und nicht nach den Bedürfnissen der Menschen», sagt Denis Schletti. Als weitere Gründe nennen sie, dass die Klimakrise gefühlt in Vergessenheit geraten ist und viele Massnahmen ins Stocken geraten sind, sowie die Passivität der Politik mit Blick auf den Genozid in Gaza. «Dass die Klimakrise aus dem Fokus rutscht, macht mir zu schaffen», sagt Julian Schletti. «Viele Schritte kommen ins Stocken, obwohl die Lage dringlich bleibt.» Trotzdem bleibt Raum für Hoffnung. Dnachtaktion betont, dass am Ende die Menschen die Gesellschaft prägen und entscheiden, wie sie zusammenleben wollen.
Gespräche und Diskussionen nehmen zu und machen handlungsfähig. «Die Macht liegt bei den Menschen», sagt Urban Zaugg. «Wenn ich an einer Demo merke, dass ich nicht allein bin, gibt mir das Zuversicht, dass wir uns gemeinsam stärker gegen eine Politik wehren können, die die Interessen von Konzernen über jene der anderen stellt.»
Release und Plattentaufe
«Morn wird e schöne Tag» ist am Freitag, 10. Oktober, auf allen Streaming-Plattformen erschienen. Die Plattentaufe findet am Freitag, 17. Oktober, in der «Heitere Fahne» in Wabern bei Bern statt. Ein Reservierungslink wird bereitgestellt für alle, die diesen Abend gemeinsam mit der Band feiern möchten:
Dnachtaktion in Schaffhausen
Dnachtaktion wird im kommenden Jahr mindestens zweimal in Schaffhausen und Umgebung auftreten. Wann und wo erfährst Du bald über den Band-Union Newsletter.